Freitag, 8. August 2008

Erinnern heisst Handeln - Antifaschistisch-Linke Bildung und auf dem Antifa-Camp Weimar-Buchenwald

Vom 26.07. bis zum 03.08.2008 versammelten sich über 100 AntifaschistInnen in Weimar um unter dem Motto „Erinnern heisst Handeln“ in das öffentliche Gespräch über den historischen Nationalsozialismus einzugreifen. Im Vordergrund stand dabei die Arbeit auf dem Gedenkstättengelände; beginnend mit einfachen Ausbesserungs- und Konservierungsarbeiten bis hin zu archäologischen Untersuchungen und Recherchen im Archiv der Gedenkstätte. Von vergleichbaren Projekten, etwa von Gliederungen der DGB-Gewerkschaften oder christlicher Organisationen unterscheidet das Eingreifen des Antifacamps dabei, dass die CamperInnen eine pädagogische Leitung der Gedenkstätte nicht akzeptieren. Damit tragen sie zum einen libertären Konzepten von Bildung und Wissenserwerb Rechnung, zum anderen erfüllen sie damit die Pflicht junger AntifaschistInnen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten den WiderstandskämpferInnen und Verfolgten des NS Gehör zu verschaffen.

Erinnerungspolitische Intervention

Und diese haben mit der Arbeit der Gedenkstätte einiges zu Hadern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie der von einer internationalen Untergrundorganisation vorbereitete und in einer Situation, in der die SS-Wachen durch das Vorrücken der alliierten Truppen erstmals angreifbar waren, durchgeführte bewaffnete Aufstand der Buchenwaldhäftlinge zu bewerten ist.

Die Gedenkstättenpolitik der DDR stellte diesen Aufstand und die führende Beteiligung deutscher Kommunisten an diesem Aufstand in den Mittelpunkt der Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte. Kommunisten haben den einzigen gegen die Nazis gerichteten Aufstand in Deutschland angeführt, sie sind zur Führung Deutschlands berufen, so die Lehre der damaligen Ausstellung auf dem Gedenkstättengelände. Nach der „Wende“ ging die neue, vom Bundesland Thüringen eingesetzte Gedenkstättenleitung sowie Repräsentanten des Bundeslandes dazu über, den Aufstand schlicht zu leugnen. Einzig die US-Streitkräfte hätten das Konzentrationslager Buchenwald befreit. Nie habe ein Kommunist oder eine Kommunistin irgendwen oder irgendwas befreit, einzig den US-Streitkräften komme solcher Ruhm zu, einzig die von ihnen repräsentierte Kombination aus parlamentarischer Demokratie und freier Marktwirtschaft könne befreiend sein.

Die Erinnerungen der überlebenden Häftlinge fallen dabei (abermals?) einem Kalten Krieg zum Opfer, der doch eigentlich längst vorbei ist. Dem gegenüber unternehmen die TeilnehmerInnen des Antifacamps Weimar-Buchenwald den Versuch, die Gedenkstätte aus den Fängen staatlicher Legitimationszwecke zu befreien und eine zivilgesellschaftliche Diskussion über die Art und Weise des öffentlichen Erinnerns einzufordern. Und dabei den Opfern als Zeugen dessen, was ihnen angetan wurde, Gehör wie auch als Handelnde, die das ihnen angetane nicht ohne Widerstand hinnahmen verdiente Würdigung zu verschaffen.


Befreiung/ Selbstbefreiung

Ein sehr beeindruckender Auftritt des Zeitzeugen Ottomar Rothmann bestätigte alle CamperInnen in ihrer Bereitschaft, diese Auseinandersetzung zu führen. Er schilderte seine Beteiligung in der Untergrundorganisation, an deren Sabotageaktionen und den Aufstandsvorbereitungen.

Unter den CamperInnen jedenfalls war die Bereitschaft, das Handeln der internationalen Untergrundorganisation im Konzentrationslager Buchenwald und ihren erfolgreichen Versuch, selbst unter mörderischen Bedingungen Handlungsfähigkeit herzustellen und mit den verfügbaren Mitteln zum geeigneten Zeitpunkt einzugreifen, als Vorbild anzunehmen, selbstverständlich*.


Goethe, Schiller, Infostand

Die Bochumer Campistas auf dem Camp hatten sich bei dem Bochumer Infoladen „Der Notstand“ reichlich mit Literatur eingedeckt, um sie den CamperInnen nahezubringen und zu verkaufen. Auf dem Camp konstituierten sie die Antifaschistisch-Linke Bildungsinitiative (AliBI) und beschlossen, nicht an den Arbeiten auf dem Gedenkstättengelände teilzunehmen, sondern die täglichen „Lesungen“ der CamperInnen zu unterstützen. Bei den Lesungen ging es darum, in der Weimarer Innenstadt aus den Erlebnisberichten überlebender Buchenwaldhäftlinge vorzulesen und mit der Weimarer Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Das Interesse der PassantInnen an unserem zwischen Bauhausmuseum und dem Denkmal Goethes und Schillers aufgebauten Büchertisch war auch durchaus beachtlich, allein, die meisten PassantInnen in der Weimarer Innenstadt sind keine Weimarer sondern überwiegend englischsprechende TouristInnen. Was dem Interesse an deutschssprachiger Literatur nicht förderlich ist, uns aber ersatzweise interessante Gespräche und Spenden für das Camp einbrachte. Vorgelesen haben wir übrigens auch. Einige Nazis ließen sich blicken, zogen aber grimmigen Blickes in weitem Bogen um die Lesung herum. Sie hatten es wohl nicht so mit Lesen.


Nicht kritisiert, weil disqualifiziert

Ein wenig gespenstisch wirkte auf den oder die TeilnehmerIn aus dem Ruhrgebiet eine Vortragsveranstaltung auf dem Camp zum Thema „Revolution im zwanzigsten Jahrhundert“, den die Referentin mit der Ankündigung einleitete, neben der Oktoberrevolution vor allem die „Stadtguerilla“ der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts behandeln zu wollen. Durch räumliche Entfernung entgingen wir den zu befürchtenden Verklärungen finsterster Irrwege der Linken in Europa und wendeten uns lieber dem strahlenden Sonnenschein zu. Und der Wirklichkeit, in der Fatah-Mitglieder sich vor dem Terror islamistischer Wahnsinniger aus den Reihen der Hamas nach Israel retten und dabei das vollständige Scheitern des „Antiimperialismus“ vergangener Tage jenseits folkloristischer Zuschreibungen nicht nur nüchternen RuhrgebietlerInnen sondern auch dem oder der weltfremdesten RevolutionsromantikerIn aus Kreuzberg auf die Nase binden.


Solides Grundlagenwissen

Als fruchtbar erwies sich hingegen ein Rückblick auf den „Revolutionären Antifaschismus“ der 90er Jahre, der insbesondere junge AntifaschistInnen grundlegend mit der Geschichte des autonomen/postautonomen Antifaschismus vertraut machte und die Bedeutung von Organisation, Bündnisfähigkeit und Öffentlichkeitsarbeit ansprach. Insbesondere den Hinweis auf den Umstand, dass die primäre Funktion des Black Block wie auch die dem realen Agieren völlig unangemessene Selbstetikettierung als RevolutionärIn darin besteht, eine linke Kritik an den Verhältnissen in der Welt in Bündnisdemonstrationen sichtbar zu machen und eine Vereinnahmung durch VerteidigerInnen eben dieser Verhältnisse zu verhindern, fanden wir sehr hilfreich.

Auch ein Auftritt von Hannes Heer gab Anstoß für das Handeln einer antifaschistischen Linken. Er las aus seinem neuen Buch und gab dabei einen guten Überblick über den gegenwärtigen Stand der Erinnerungspolitik. Er konzentrierte sich dabei auf die Geschichtsbetrachtungen des ZDF-Haushistorikers Guido Knopp und trug damit sowohl dessen weit über die der „offiziellen“ Historiographie hinausreichenden Wirkungsmächtigkeit als auch dem Unterhaltungsbedürfnis antifaschistischer FerienaktivistInnen Rechnung. Und natürlich forderten seine Ausführungen zur erinnerungspoltisichen Intervention heraus.

Hinter den Anforderungen eines Antifacamps zurück blieb bedauerlicherweise ein Vortrag zur politischen Lage in den baskischen Autonomiegebieten im spanischen Königreich. Der Referent beschränkte sich weitgehend auf die Schilderung von aus Sicht von BürgerrechtlerInnen in höchsten Maße besorgniserregenden Vorgehensweisen der Zentralregierung, die bis hin zur Entsendung extralegaler Todesschwadrone reichen. Nur am Rande erläuterte er die Entstehung der gegenwärtigen Konfliktlinien in der Endphase des Franco-Regimes, dessen Strukturen und Funktionsträger wohl zu sehr unangetastet blieben. Und in einer Situation, in der AntifaschistInnen für September 2008 nach Köln gegen einen Kongress der europäischen extremen Rechten mobilisieren, unter anderem weil die Lega Nord (Italien) und der Vlams Belang (Belgien) diesen Kongress mittragen, die Frage, was denn den baskischen Regionalismus vom europäischen Normalfall regionalistischer Bewegungen wie eben besagter Lega Nord oder dem Vlaams Belang unterscheidet, gar nicht erst zu stellen, war dem dem Ort des Vortrags wie auch dem konkreten Handeln einer antifaschistischen Linken völlig unangemessen. Und selbst der in besseren Tagen zur Unterscheidung geeingete Hinweis auf eine rege Squatter- und Punkszene in den baskischen Autonomiegebieten, kann in Zeiten, in denen auch italienische Neo-SquadristInnen Häuser besetzen, nur noch bedingt zur Klärung beitragen.


Fazit und Ausblick

Das Essen war super, das Wetter hervorragend, das Bier war preiswert und die Musik geriet teilweise zu unrecht gegenüber interessanten Gesprächen ins Hintertreffen. Wir werden uns aber kompensatorisch bemühen, alle Bands, die das Camp durch Auftritte unterstützten, bei passender Gelegenheit ins Ruhrgebiet zu vermitteln. Die Beteiligung am Actionday haben wir zugunsten einer Führung über das Gedenkstättengelände geschwänzt, was sich aber in keiner Weise nachteilig auf die Aktionen auswirkte. So wurde es uns jedenfalls versichert. Auf dem Camp selbst war das Interesse an unseren Büchern übrigens groß. Und selbst der Verkauf war ganz ordentlich. Insgesamt gehen wir davon aus, dass dieses Camp für Campistas der richtige Ort war und wünschen uns für das nächste Jahr eine stärkere Unterstützung für diesen bundesweit einmaligen Versuch zivilgesellschaftlicher Intervention in den staatlichen Gedenkbetrieb. Ach ja und besonderen Dank noch der Wache, die sich die Nächte um die Ohren geschlagen hat, damit wir in Ruhe unser Bier trinken konnten.

Attac campus bochum/ ALiBI

*Der moralischen Dilemata, denen sich die für die Untergrundorganisation unentbehrlichen Funktionshäftlinge, einschließlich der „Roten Kapos“ stellen mussten, sind sich dabei alle CamperInnen bewußt. Und aus diesem Bewußtsein heraus erscheint zunächst mal jeder Wehrmachtsoffizier, der sich ernsthaft mit der Frage herumschlug, wie verbindlich sein Eid auf Adolf Hitler denn nun sei, als lächerliche Figur.

Mehr Infos & Campzeitung: http://buchenwald-camp.antifa.de

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