Samstag, 17. Oktober 2026

Wer funktioniert, ist versichert. Wer nicht, ist ein Fall.

Das System und sein Versprechen

Hinweis: Dieser Artikel behandelt Themen, die belastend sein können: häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch, Alkoholismus, Vernachlässigung, Betrug und finanzielle Not. Wer selbst betroffen ist oder sich angesprochen fühlt, sollte den Artikel in Ruhe lesen und sich ggf. Unterstützung holen.

Hilfetelefone: 
  • Gewalt gegen Kinder und Jugendliche: 116 111 (Nummer gegen Kummer)
  • Häusliche Gewalt: 08000 116 016 (Weißer Ring)
  • Sucht / Alkohol: 01806 31 30 31 (Sucht-Telefon)
  • Psychische Belastung: 0800 111 0 111 (TelefonSeelsorge)


Seit 1995 zahlen 57 Millionen Menschen in Deutschland Beiträge in die Pflegeversicherung ein – Erwerbstätige, Rentner, Selbstständige. Für Arbeitslose übernimmt der Staat den Anteil. Das Versprechen war eindeutig: Pflegebedürftigkeit soll kein Armutsrisiko mehr sein. Wer 40 Jahre eingezahlt hat, soll nicht beim Sozialamt stehen. Das System hat das Versprechen nie gehalten. Es hat es nur verschoben – vom Sozialamt in die privaten Haushalte, von der Versicherung in die Familien, von der Politik in die Biografien der Betroffenen.

Die Pflegeversicherung ist eine Teilkasko. Sie zahlt einen Teil. Der Rest – und das ist bei stationärer Pflege der größere Teil – bleibt beim Einzelnen. In einem Pflegeheim sind das 2026 durchschnittlich über 3.000 Euro im Monat. Wer das nicht stemmen kann, steht beim Sozialamt. Nicht in der Versicherung. Beim Sozialamt. 37,8 Prozent der Heimbewohner beziehen bereits Sozialhilfe. Bis 2035 könnte die Quote auf 46 Prozent steigen. Fast jeder zweite.

Die Zahlen dahinter sind unmissverständlich. Vor 30 Jahren standen einer pflegebedürftigen Person 48 Beitragszahler gegenüber. Heute: 14. Die Beiträge sind an das Erwerbseinkommen gekoppelt. Wer nicht mehr arbeitet, zahlt weniger, braucht aber mehr. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt bei 69.750 Euro im Jahr. Das BIP ist von 2000 bis 2024 nominal um 102 Prozent gestiegen. Die Beitragsbemessungsgrundlage nur um 67. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft galoppiert der Versicherung davon. Und die, die zurückbleiben, sind die, die nicht mehr produzieren.

Montag, 5. Oktober 2026

Arbeit um jeden Preis?

Willkommen auf le chat pitre. 

Wir sind keine NGO. Wir haben keinen Vorstand. Wir haben keinen Förderantrag gestellt. Wir sind ein paar Leute, die eventuell zu lange in Meetings gesessen haben.

Wären wir tatsächlich ein Unternehmen, Start-Up oder Co. würde unserer Tagesablauf sehr wahrscheinlich aus folgendes bestehen:

Wir wären ein Team von Menschen, die jeden Tag 8 Stunden damit verbringen, über 4 Stunden zu reden, wie man 4 Stunden sparen könnte.


Was wir tun würden

Kurz und schmerzlos – unser Tagesablauf nach Graebers Kategorien:

Lakaien: Unser Empfangsbereich. Wir haben keinen. Aber wir reden darüber, ob wir einen brauchen. Status: Open.

Schläger: Unsere Rechtsabteilung. Existiert, weil die andere Seite auch eine hat. Was wir genau verteidigen? Keine Ahnung. Aber Hauptsache es klingt wichtig.

Flickschuster: Unser IT-Support. Patcht Code, den wir selbst kaputt gemacht haben. Der Bug von 2019 ist noch da. Wir haben ein Ticket dafür. Seit 2019.

Kästchenankreuzer: Unsere Compliance. Prüft Compliance. Die Compliance, die Compliance prüft, wird von Compliance geprüft. Es gibt keinen Anfang. Es gibt kein Ende. Es gibt nur Formulare.

Aufseher:
Unser Middle Management. Verteilt Aufgaben, die nicht verteilt werden müssten. Hat ein Meeting über das Meeting, in dem entschieden wird, ob das Meeting, in dem über das Meeting geredet wird, noch ein Meeting ist.

Bonus: Unser „Growth-Stratege". Verschiebt Zahlen. Sehr schnell. In beide Richtungen.


Wo das Geld hingehört – und wo es verschwindet  
 
Das Einsparungspotenzial 

Bereich

Was passiert

Wie viel

Werbung

Deutschland gibt so viel für Werbung aus wie noch nie – für Produkte, die in 10 Jahren kaputt sind

45,3 Mrd. € netto (Rekordwert)

Compliance

NIS2, DSGVO, KI-Verordnung: Compliance prüft Compliance. Die Compliance, die Compliance prüft, wird von Compliance geprüft

Milliarden pro Jahr – allein Finanzbranche: 61,6 Mrd. €

Bürojobs

Laut McKinsey (2026): 59 % aller Arbeitsstunden in Deutschland sind technisch automatisierbar

486 Mrd. € Produktivitätspotenzial bis 2030

Meetings

10–30 Stunden pro Mitarbeitendem und Monat fließen in Prozesse, die ein Algorithmus in 30 Sekunden erledigt


Zusammengerechnet: Mehrere Hundert Milliarden Euro pro Jahr fließen in Tätigkeiten, die entweder automatisiert werden können oder einfach nicht existieren müssten.

Und gleichzeitig?

Freitag, 18. September 2026

Unterstützt den Schulstreik gegen die Wehrpflicht

Am 25. September streiken zehntausende Schüler*innen in über 150 Städten. In Hamburg läuft die NATO-Übung Red Storm Charlie. In Klassenzimmern stehen Jugendoffiziere. Die Erfassungsbögen sind da. Die Musterungen kommen.

Ihr könnt jetzt etwas tun. Und es ist nicht schwer.

 
 
 
Was passiert gerade

  • Wehrdienst-Erfassungsbögen an alle 18-Jährigen verschickt
  • 470 junge Männer bereits zur Musterung einbestellt – trotz „kein Interesse"
  • Jugendoffiziere in tausenden Schulbesuchen pro Monat
  • Aufrüstung explodiert, Schulen werden kaputtgespart
  • Wer dient, bleibt lebenslang Reservist*in
Die Wehrpflicht kommt. Ihr könnt helfen, das zu verhindern. 

"Das weitere Streben nach Wachstum ist Realitätsverleugnung."



Nach gut über 50 Jahren erreicht einige Banken endlich die Nachricht, dass Wachstum nicht unbegrenzt möglich ist. Viele Finanzinstitute stoßen heute an die Grenzen traditioneller Geschäftsmodelle.
Märkte sind gesättigt, die Demografie verändert sich und Ressourcen und wirtschaftliche Dynamiken haben natürliche Obergrenzen.

Freitag, 11. September 2026

Die Illusion der nackten Zahl: Wie BIP-Nationalismus gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche Lebensentwürfe blockiert

 "Wer nicht produziert, ist unproduktiv." 

Wer über die Wirtschaftspolitik konservativer oder rechtspopulistischer Kräfte spricht, stößt unweigerlich auf ein Dogma: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es dient als vermeintlich objektiver Fiebermesser für den Erfolg eines Nationalstaats. Doch dieses Framing ist ein narratives Gefängnis. Ob in der traditionellen Erzählung der CDU, dem völkisch-protektionistischen Nationalismus der AfD oder im globalen Wettbewerb moderner Staaten: Das BIP-Framing verfälscht, was gesellschaftlicher Wohlstand tatsächlich bedeutet. Es presst eine plurale Gesellschaft in eine einzige, rein materielle Schablone und ignoriert die Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe.
Um diese Sackgasse zu verlassen, muss dieses eindimensionale Modell durch ganzheitliche Ansätze ersetzt werden, die der Vielfalt moderner Gesellschaften gerecht werden.

 1. Das konservative Wachstumstraditions-Framing (CDU) vs. Die Donut-Ökonomie

Die Wirtschaftspolitik der CDU bewegt sich im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft, neigt in Debatten über Wettbewerbsfähigkeit jedoch zu einem starren Wachstumstradizionalismus. Das Framing lautet: Nur durch BIP-Wachstum lassen sich Wohlstand, Soziales und Klimaschutz finanzieren.

Dieses Denken erzeugt fatale blinde Flecken für alle Lebensentwürfe, die sich nicht um klassische Erwerbsarbeit drehen. Es ignoriert, dass das BIP unbezahlte Care-Arbeit (Pflege, Kindererziehung, ehrenamtliches Engagement in Communities) mit dem Wert Null verbucht. Wer sich entscheidet, weniger in der formellen Marktwirtschaft zu arbeiten, um stattdessen soziale Netzwerke zu pflegen oder kreative Wege abseits des Konsums zu gehen, gilt im BIP-Framing als unproduktiv. Zudem verbucht das BIP ökologische Zerstörung – wie die Beseitigung von Umweltkatastrophen – als Erfolg, statt die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen.

Die Alternative: Hier setzt das Modell der Donut-Ökonomie an, entwickelt von der britischen Ökonomin Kate Raworth (2017). Es bricht das erzwungene Entweder-oder zwischen Wachstum und Wohlstand auf und ersetzt die eindimensionale BIP-Achse durch zwei Leitplanken:

Soziales Fundament (innen): zwölf Grundbedürfnisse – Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, politische Teilhabe, Gleichstellung, Wohnen, soziale Netzwerke und Energie – abgeleitet aus den UN-Nachhaltigkeitszielen. Wer darunter fällt, lebt in Armut.

Ökologische Decke (außen)
: neun planetare Grenzen – Klimawandel, Versauerung der Meere, chemische Umweltverschmutzung, Stickstoff- und Phosphor-Belastung, Süßwasserverknappung, Flächenumwandlung, Biodiversitätsverlust, Luftverschmutzung und Ozonabbau. Wer darüber hinauswächst, zerstört die Lebensgrundlagen.

Dazwischen liegt der „sichere und gerechte Raum für die Menschheit": der Bereich, in dem alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Wirtschaftlicher Erfolg wird nicht an Wachstum gemessen, sondern daran, ob sich die Gesellschaft in diesem Donut befindet. Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern – wo nötig – ein Mittel.

Für die Frage der Lebensentwürfe ist das entscheidend: Care-Arbeit, Ehrenamt, kreative Praxis und ökologische Regeneration zählen hier als Wohlstand, weil sie das soziale Fundament stärken oder die ökologische Decke schützen – auch wenn sie kein BIP generieren.

Dienstag, 8. September 2026

Sozialstaat verteidigen - Kriegskurs stoppen

Am 26. September 2026 ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ zu einem bundesweiten Aktionstag gegen geplante Kürzungen im Sozialstaat auf. Parallel dazu finden vor diesem Datum in zahlreichen Städten, darunter Hamburg, Magdeburg und Berlin, Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und für die Demokratie statt, teilweise unter dem Motto „Zeit zum Handeln – Freiheit muss verteidigt werden!“.

Während die gewerkschaftlichen Proteste in 15 Großstädten zentrale Kundgebungen mit Redner*innen wie Yasmin Fahimi (DGB) oder Frank Werneke (ver.di) veranstalten, verbinden Teile der zivilgesellschaftlichen Bewegung, wie die Initiative „Sagt NEIN!“, diese Themen. Diese Gruppen sehen den Angriff auf den Sozialstaat als innere Seite eines „Kriegskurses“ und rufen dazu auf, den Protest gegen Sozialabbau mit dem Widerstand gegen den Rechtsruck zu verbinden.

Sonntag, 19. Juli 2026

Die sozialpolitische Bankrotterklärung: die Unterhaltsvorschuss-Kürzung

Die Pläne von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU), den Unterhaltsvorschuss massiv zu kürzen, haben eine Welle der Empörung ausgelöst, die weit über die üblichen politischen Grabenkämpfe hinausreicht. Noch in diesem Monat soll der Gesetzentwurf in die Regierungsabstimmung gehen. Das Ziel: Einsparungen von 245 Millionen Euro jährlich beim Bund durch eine Absenkung der Altersgrenze von 18 auf 16 Jahre. Die Konsequenz: Etwa 80.000 Jugendliche verlieren ihren Anspruch auf bis zu 394 Euro monatlich.

Doch genau hier liegt der Trugschluss der Regierung. Wie Experten und der Deutsche Kinderschutzbund einhellig betonen, liegt die niedrige Quote nicht primär an Zahlungsverweigerung, sondern an Zahlungsunfähigkeit. In der Hälfte der Fälle steht von vornherein fest, dass der unterhaltspflichtige Elternteil kein verwertbares Einkommen hat. Wer hier kürzt, bestraft das Kind für die Armut des anderen Elternteils – und spart an der falschen Stelle.