Montag, 5. Oktober 2026

Arbeit um jeden Preis?

Willkommen auf le chat pitre. 

wir sind keine NGO. Wir haben keinen Vorstand. Wir haben keinen Förderantrag gestellt. Wir sind ein paar Leute, die eventuell zu lange in Meetings gesessen haben.

Wären wir tatsächlich ein Unternehmen, Start-Up oder Co. würde unserer Tagesablauf sehr wahrscheinlich aus folgendes bestehen:

Wir wären ein Team von Menschen, die jeden Tag 8 Stunden damit verbringen, über 4 Stunden zu reden, wie man 4 Stunden sparen könnte.


Was wir tun würden

Kurz und schmerzlos – unser Tagesablauf nach Graebers Kategorien:

Lakaien: Unser Empfangsbereich. Wir haben keinen. Aber wir reden darüber, ob wir einen brauchen. Status: Open.

Schläger: Unsere Rechtsabteilung. Existiert, weil die andere Seite auch eine hat. Was wir genau verteidigen? Keine Ahnung. Aber Hauptsache es klingt wichtig.

Flickschuster: Unser IT-Support. Patcht Code, den wir selbst kaputt gemacht haben. Der Bug von 2019 ist noch da. Wir haben ein Ticket dafür. Seit 2019.

Kästchenankreuzer: Unsere Compliance. Prüft Compliance. Die Compliance, die Compliance prüft, wird von Compliance geprüft. Es gibt keinen Anfang. Es gibt kein Ende. Es gibt nur Formulare.

Aufseher:
Unser Middle Management. Verteilt Aufgaben, die nicht verteilt werden müssten. Hat ein Meeting über das Meeting, in dem entschieden wird, ob das Meeting, in dem über das Meeting geredet wird, noch ein Meeting ist.

Bonus: Unser „Growth-Stratege". Verschiebt Zahlen. Sehr schnell. In beide Richtungen.


Wo das Geld hingehört – und wo es verschwindet  
 
Das Einsparungspotenzial 

Bereich

Was passiert

Wie viel

Werbung

Deutschland gibt so viel für Werbung aus wie noch nie – für Produkte, die in 10 Jahren kaputt sind

45,3 Mrd. € netto (Rekordwert)

Compliance

NIS2, DSGVO, KI-Verordnung: Compliance prüft Compliance. Die Compliance, die Compliance prüft, wird von Compliance geprüft

Milliarden pro Jahr – allein Finanzbranche: 61,6 Mrd. €

Bürojobs

Laut McKinsey (2026): 59 % aller Arbeitsstunden in Deutschland sind technisch automatisierbar

486 Mrd. € Produktivitätspotenzial bis 2030

Meetings

10–30 Stunden pro Mitarbeitendem und Monat fließen in Prozesse, die ein Algorithmus in 30 Sekunden erledigt


Zusammengerechnet: Mehrere Hundert Milliarden Euro pro Jahr fließen in Tätigkeiten, die entweder automatisiert werden können oder einfach nicht existieren müssten.

Und gleichzeitig?

Wo dringend Leute fehlen

Bereich

Was fehlt

Wie lange eine Stelle leer bleibt

Pflege (Krankenhäuser)

30.000–40.000 unbesetzte Stellen. 66 % der Kliniken finden keine Pflegekräfte mehr

174 Tage

Pflege (Heime & ambulant)

50.000–120.000 Vollzeitkräfte fehlen. Bis 2049: 280.000–690.000

189 Tage

Kinderbetreuung

20.476 Fachkräfte fehlen – die größte Lücke in der Pflege-Statistik

65 % der Stellen unbesetzt

Physiotherapie

12.994 Fachkräfte fehlen

85,8 % Stellenüberhang

Lehrende

Tausende offene Stellen, Abbruchquote in der Ausbildung: 30 %

–

Drei Viertel aller Altenpflegeeinrichtungen arbeiten am Limit. Die Abbruchquote in der Pflegeausbildung liegt bei 30–50 %. Fast jede fünfte Pflegekraft kommt aus dem Ausland.

Und das System reagiert wie? Mit einem Brandbrief des BDI: „Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft muss oben auf der Agenda stehen."

 

Die Ungleichheit – wer verdient was, und warum?

Das ist der Teil, der wehtut. Nicht weil er neu ist. Sondern weil er so offen ist.

Wer

Was sie/sie tut

Gehalt (brutto/Jahr)

Pflegehilfskraft

Menschen waschen, füttern, trösten. 13-Stunden-Tage. Kein Wochenende.

33.000 €

Pflegefachkraft

Wunden versorgen, Medikamente geben, um 6 Uhr aufstehen.

~46.000 €

Lehrer:in

40 Kinder unterrichten, Hausaufgaben korrigieren, Elterngespräche führen.

~52.000 €

Compliance-Offizier

Formulare prüfen, die Formulare prüfen.

70.000–90.000 €

Pflegedirektor

Personal einkaufen, Budgets verwalten.

100.000–140.000 €

Hedge-Fund-Manager

Zahlen verschieben. Sehr schnell.

1.000.000 €+

Die Pflegekraft, die um 5:47 Uhr den Dienst beginnt und um 19:00 noch dokumentiert, verdient weniger als die Hälfte von dem, was der Compliance-Offizier verdient, der um 9:00 einsteigt und um 16:00 geht. 

Die Lehrerin, die die nächste Generation bildet, verdient weniger als der „Growth-Stratege", der nichts als Zahlen verschiebt.

Und der Pflegehilfskraft, die einen Menschen 13 Stunden am Tag versorgt, sagt das System: „Danke, aber bitte 48 Stunden die Woche. Wettbewerbsfähigkeit."


Was gerade in Berlin passiert


Kanzler Friedrich Merz will die 48-Stunden-Woche
. Die CDU-CSU-Koalition mit der SPD hat den Acht-Stunden-Tag abgeschafft. Erster Tod eines deutschen Grundrechts seit der Monarchie.

Bärbel Bas will das Ganze mit Pflicht-Zeiterfassung veredeln. Übersetzt: Wir dürfen dir 13-Stunden-Tage geben, aber wir müssen das dann notieren. Wie ein Eintrag ins Gefängnisregister.

Die Linke-Fraktion hat einen Antrag eingebracht: „Finger weg vom Achtstundentag." Ergebnis: Abgelehnt. Von der Koalition, die den Achtstundentag gleichzeitig abschafft.

Die IG Metall hat ihre Forderung nach einer Vier-Tage-Woche im Mai 2025 gestrichen. Die Gewerkschaft, die „mehr arbeiten" nicht mehr fordert, ist nun die, die am lautesten schweigt.

 

Der Witz, der kein Witz ist

Ein Pflegeheim in Sangerhausen hat die 32-Stunden-Woche eingeführt. Funktioniert. Die Leute sind gesund. Die Pflege ist da.

Gleichzeitig sitzen in Berlin ein BDA, ein BDI, ein DIHK und ein ZDH in einem Raum und schreiben einen Brandbrief: „Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft muss oben auf der Agenda stehen."

Was das konkret heißt? Dass du 13 Stunden am Tag arbeiten darfst. Und wenn du es nicht willst? Dann bist du der „Lifestyle-Teilzeitler".

 

 Was Keynes dazu sagen würde

1930: „In 100 Jahren werdet ihr 15 Stunden arbeiten."

2026: Wir arbeiten 40, der Kanzler will 48, die Pflegekraft arbeitet 13 Stunden am Tag, und das Meeting darüber wird auf nächste Woche verschoben.

Keynes hatte recht mit dem Wohlstand. Er hatte unrecht mit der Verteilung. Der Wohlstand ist da. Er ist nur anderswo. In den 45 Milliarden Werbung. In den 61 Milliarden Compliance. In den Aktienrückkäufen. In den Managergehältern. In ein Sondervermögen für Rüstung.

Nicht in der Pflege. Nicht in der Bildung. Nicht in der Infrastruktur. Nicht im Hitzeschutz. Nicht im Schutz von Menschen vor Hunger, Durst, Wohnlosigkeit, vor Krieg, vor Verfolgung.

 

Und jetzt kommt der Einwand, den jeder macht

„Aber was sollen die Leute dann die ganze Zeit machen? Die sitzen doch nur rum und denken sich was Böses aus."

Ja. Genau diesen Satz hat man 1919 gehört, als die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde. „Die Leute werden faul. Die werden trinkend. Die werden unproduktiv."

Was passiert ist? Nichts davon. Die Leute haben Sport gemacht. Bücher gelesen. Kinder großgezogen. Gemalt. Gegrillt. Weitergehandelt.

Der Einwand ist kein Argument. Er ist ein Satz, den man sagt, wenn man eigentlich sagen will: Ich will nicht, dass andere frei haben, wenn ich nicht frei haben kann.

 

Was Menschen tatsächlich mit freier Zeit machen

 

Was die Leute nicht machen

Was die Leute tatsächlich machen

Auf der Couch vor dem Fernseher verfaulen (ja, ein bisschen, aber weniger als gedacht)

Familie & Freunde: Mehr Zeit mit Kindern, Partnern, Eltern – die, die man seit 2019 nicht mehr gesehen hat

„Falsche Gedanken" haben

Gesundheit: Sport, Schlaf, weniger Burnout – die Krankenstandszahlen sinken

Einfach so raus

Bildung: Kurse, Sprachen, Hobbys, für die man „nie Zeit hatte"


Freiwilligenarbeit: Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Community – Dinge, die man tut, weil man will, nicht weil man muss


Kreativität: Musik, Schreiben, Handwerk, Garten – Dinge, die kein BIP messen kann


Nachdenken. Ja. Nachdenken. Was der Mensch seit 300.000 Jahren am besten kann. Aber erst, wenn er nicht um 19 Uhr noch ein Ticket schließen muss



Der Satz „Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen" ist der arbeitsweltliche Äquivalent zu „Die Kinder werden ja nur auf das Handy starren."

Es ist kein Argument. Es ist eine Projektion. Der Mensch, der es sagt, hat selbst 55 Stunden gearbeitet und weiß nicht, was er selbst mit Freitagabend anfangen soll. Aber die anderen? Die werden sicher falsch denken.

Keynes hat 1930 nicht gesagt: „In 100 Jahren werdet ihr 15 Stunden arbeiten und dann auf der Couch liegen."

Er hat gesagt: „Die Menschen werden lernen, die Freiheit zu nutzen. Sie werden sich auf Dinge konzentrieren, die menschlich sind – Beziehungen, Kreativität, Nachdenken, Gemeinschaft."

Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht können. Das Problem ist, dass das System ihnen seit 100 Jahren sagt: „Du darfst nicht. Du musst. 48 Stunden. Wettbewerbsfähigkeit."

Zieh den Stecker raus. Die Leute werden etwas machen. Wahrscheinlich etwas Besseres als ein Compliance-Report.


Unser Versprechen

Wir arbeiten hart. Sehr hart. Vor allem daran, dass die Arbeit so aussieht, als würde man hart arbeiten.

Wenn der Kanzler die 48-Stunden-Woche durchbringt, melden wir uns im Ticket-System.

Wenn die Welt untergeht, machen wir ein kurzes Sync (45 Min.).

Wenn der Compliance-Offizier fragt, ob wir Compliance haben: Ja.

Wenn die Pflegekraft um 19:00 noch nicht fertig ist: Nicht unser Problem. Wir haben ein Meeting.

 


[CTA-Button]: Jetzt anrufen. Oder nicht. Wir haben ein Meeting.

P.S.: Die 35-Stunden-Woche wird nicht abgeschafft. Die SPD hat das „scharf zurückgewiesen". Aber die 48-Stunden-Woche kommt trotzdem. Weil die Koalition das so im Vertrag hat. Und Verträge sind heilig. Besonders die, die man nicht lesen muss.

P.P.S.: Die Pflegekraft liest diesen Text nicht. Sie ist im Dienst. Seit 6 Uhr. Sie hat 13 Stunden vor sich. Und ein Ticket-System, das seit 2019 nicht funktioniert.

P.P.P.S.: Und wenn sie heute Abend endlich zu Hause ist? Dann sitzt sie auf dem Sofa. Und denkt. Und das ist genau das, was das System am meisten fürchtet.

 

Quellen & Infos:  

  • David Graeber Bullshit Jobs: A Theory Simon & Schuster / Klett-Cotta (DE) 2018 (EN) 
  • Rutger Bregman Utopien für Realisten: Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen Rowohlt 2017 (DE)
  • John Maynard Keynes Economic Possibilities for Our Grandchildren The Nation and Athenaeum / Cambridge University Press 11. & 18. Oktober 1930
  • Sara Weber Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? Kiepenheuer & Witsch 2023
  • McKinsey Global Institute Agents, robots, and us: How AI reshapes work and skills in Europe mckinsey.de 12. Mai 2026
  • University of Cambridge / Oxford / Boston College The Four Day Week: A Pilot Project in the UK (Ergebnisbericht) fourdayweek.com Juni–Dezember 2022, Bericht: Februar 2023
  • Rosa-Luxemburg-Stiftung Die Vier-Tage-Woche im Vereinigten Königreich (Zusammenfassung) rosalux.de 2023
  • Deutschlandfunk Kultur David Graeber: „Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit" (Podcast/Review) deutschlandfunkkultur.de 27. Januar 2020
  • Der Spiegel Warum 15 Stunden Arbeit pro Woche für ein gutes Leben ausreichen spiegel.de 4. Januar 2019
  • Stern / NEON 15-Stunden-Woche: Fünf Fragen an den New-Work-Vordenker Rutger Bregman stern.de, 16.11.2021



Kleiner Disclaimer: Die politischen Zitate (Merz, Bas, IG Metall, BDI-Brandbrief, Sangerhausen) sind künstlerisch aufgedreht – die Positionen und Ereignisse sind real, aber die Formulierungen? Die sind so, wie sie im Meeting klingen. Wer sie wörtlich nehmen will, darf in die Bundestagsprotokolle scrollen. Viel Spaß.

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