Willkommen zur großen Erzählung, das die "Rentenreform" eine wirtschaftliche Notwendigkeit und zur Finanzierbarkeit des Sozialstaats sowie zur Generationengerechtigkeit beiträgt. Quasi ein heroischer Akt der Verantwortung und Modernisierung für den "Wohlstand der Jugend" darstelle. Und nicht wie böse Zunge der Bevölkerung behaupten: Sozialabbau sei. Wer käme bloß auf solche unverschämten Vermutungen?
Entsprechend setzte die Regierung vor gut sechs Monaten also eine Kommission ein, die in 150 Stunden für 33 Empfehlungen für die "Stabilisierung der Rentenkasse" auf 80 Seiten benötigte. Am 23.06.2026 wurde dieses Konzept nun der Öffentlichkeit präsentiert.
Das daraus resultierende "Gesamtkunstwerk" (Bärbel Bas) bzw. als "ausgewogenes Paket" (Merz) müsse nun zügig umgesetzt werden. Und "wir" wollen ja kein "Rosinenpicken" betreiben.
Im Kern soll dieses Paket auf längeres Arbeiten, einer neuen Aktienkomponente und einer breitere Basis von Beitragszahlern herauslaufen.
Zwar ist positiv hervorzuheben, das die Kommission eine Erwerbstätigenversicherung, in die neben abhängigen Beschäftigten auch Selbständige, Beamte, Abgeordnete und Vorstände von Aktiengesellschaften einbezogen sind, als Idealbild der Alterssicherung ansieht. (Punkt 21). Allerdings ist damit nichts über den tatsächlichen Einbezug jener gesagt, denn die netten Damen und Herren Abgeordneten sind aus "verfassungsrechtlichen Gründen " erstmals außen vor, heißt es. So sind 28% Bundestagsabgeordnete verbeamtet, die Selbständigen unter ihnen, Rechtsanwälte, Mediziner und sonstige Selbstständige sind durch ihre ständischen Versicherungen geschützt und für den Rest gibt es sicher noch ein Schlupfloch. Das Rentenniveau soll auf 48% verbleiben, wenn nicht doch noch gesenkt, d.h. das weniger Beitragszahlende würden angeblich zu geringen Renten führen, so die nette Rechnung (Nachhaltigkeitsfaktor).
Wer nicht mehr kann und früher aufhört, muss hohe Abschläge in Kauf nehmen. Das bedeutet eine Senkung des Rentenniveaus. Die Rente mit 63 soll entfallen.
Und alle sollen länger arbeiten, was schrittweise angehoben werden soll, d.h. also schön arbeiten bis zur Urne, denn Menschen mit geringen Einkommen leben statisch kürzer oder beziehen im schlimmsten Fall gar keine Rente.
Die eigentliche strukturellen Problematik blieb also außen vor: Altersarmut, die Diskontinuitäten der Erwerbsbiografie in den Lebensläufe, die Abdrängung in der Grundsicherung im Alter. Das Frauen im Durchschnitt 49,8 Prozent weniger als Männer über ihr gesamtes Erwerbsleben hinweg verdienen. Und der Einbezug der Gewinne von Unternehmen. Keine armutsfeste Mindestrente also in Sicht.
"Generationengerechtigkeit" ein Ablenkungsmanöver
Die Finanznot der Rentenkasse liegt nicht an der Biologie (zu viele Alte, zu wenige Junge), sondern an der bewussten politischen Weichenstellungen. Denn die Entwicklung des Rentenbeiträge ist eng verknüpft mit der Entwicklung des "Arbeitsmarktes" und der Lohnentwicklung.
Das Verhältnis Jung und Alt ist irrelevant, sondern das Verhältnis zwischen erwerbstätige Bevölkerung und der Teil, der von ihr abhängig ist. Dazu zählen auch Kinder, denn die Allgemeinheit finanziert auch diese bis sie mit Glück in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis rutschen. Entsprechend sollte für mehr Migration geworben werden, geflüchteten Menschen ihre Qualifikationen anerkannt werden und die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit aufzunehmen, erleichtert werden anstatt erschwert.
Seit der Agenda 2010 und die Etablierung eines großen Niedriglohnsektors arbeiten Millionen von Menschen in Jobs, aus denen kaum nenneswerte Rentenbeiträge fließen. Wer wenig verdient, zahlt wenig ein und bekommt daher später eine Rente auf Sozialhilfeniveau.
Zu großen Lücken führen ebenfalls die unbezahlte Arbeit und Teilzeit. Unbezahlte Care-Arbeit wie Kindererziehung und Pflege leisten nach wie vor allem Frauen. Die dadurch entstehenden Erwerbsbiografien mindern dadurch einerseits die Gesamteinnahmen der Rentenkasse und die später erhaltenen Rente, andererseits ist sie eine unverzichtbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlage.
Gleichzeitig gilt es zu betonen, das Teilzeitbeschäftige vollwertige Arbeit leisten. Wer Arbeitszeit mit Produktivität und Arbeitsleistung gleichsetzt, irrt.
Im dritten Band des Kapitals verwies Karl Marx bereits das Mehrarbeit nicht einfach mehr Arbeitszeit wäre, sondern intensivere Arbeitsleistung, höhere Produktivität:
"Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihrer Reproduktivität hängt nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von der Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, wo sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äussere Zweckmäßigkeiten bestimmt ist, aufhört, es liegt der Natur der Sache nach jemanden der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwedigkeit, weil die Bedürfnisse wachsen, aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesen Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschafteste Mensch, die assozierten Produzenten, diesen ihren gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den, ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist eine Grundbedingung." (Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band II: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion, Ullstein am Main, 1971, S.765 f.)
Der Gedanke Marx ist klar, Arbeit gehört zu den Notwendigkeiten. Sie lässt sich menschenwürdig gestalten, bleibt allerdings in der Welt "Muss, des Zwanges". Der Kapitalismus erlaubte es, die durch Arbeit erbrachte Leistung, die Arbeitsproduktivität, enorm zu steigern. Weniger Arbeit schafft also mehr Leistung, so dass die Arbeitszeit verkürzt werden konnte und kann. Ohne, das das Bruttosozialprodukt leidet.
Daher gewinnen die Menschen Zeit, um anderen Tätigkeiten nach zu kommen, seien dies Hobbys, Freunde treffen, ein Ehrenamt, Mitarbeit bei einer Initiative. Diese Denkfiguren haben sich etabliert. Nach der Arbeit beginnt die Freizeit, das Vergnügen. Und so, werde aus der Arbeitsgesellschaft eine Freizeitgesellschaft. Jedoch ist die Arbeitsgesellschaft nicht mehr gegeben, gar unterminiert. Die Wissensgesellschaft, die angeblich folgte, schließt so einige aus der Arbeitswelt aus.
Das dahinter stehende Paradox, so scheint es, an so manch einen vorbeigegangen ist, lautet: Das Lohnarbeit und Kapital nicht mehr miteinander verbunden sind, sondern das Kapital vermehrt sich auch ohne die Arbeit der Viele. Entsprechend geht es nur noch um soziale Kontrolle, also nicht um eine in der Natur der Sache liegende Unfreiheit im Reich der Notwendigkeit, sondern es handelt sich vielmehr um ein Instrument der Herrschaft. Das Reich der Notwendigkeit ist stattdessen massiv geschrumpft.
Arbeitslosigkeit und Neuorientierungen prägen seit etwa den 90er Jahren die Erwerbsbiographien. Wirtschaftliche Krisen erzeugen Arbeitslosigkeit, in denen keine oder nur minimale Beiträge abgeführt werden.
Hinzukommt das derartige Phasen nicht nur das aktuelle Einkommen, sondern auch massiv die Altersvorsorge schmilzt, falls mal was zurückgelegt werden konnte. Denn Rücklagen müssen zuerst aufgebraucht werden.Wer in guten Phasen mal was zurücklegen oder ansparen konnte, muss im schlimmsten Fall Lebensversicherungen, Aktien und Fonds auflösen. Bei Neuorientierungen schmelzen ebenfalls Rücklagen. Denn im Gegensatz zur Abgeordneten, werden Menschen, die Hartz IV, Bürgergeld, mmhh "Grundsicherung" beziehen müssen, gezwungen ihre wirtschaftlichen Verhältnisse lückenlos offenzulegen.
Sämtliche Einnahmen, Kontostände, Wertpapiere, Immobilien und teilweise sogar Hausrat sowie Fahrzeuge müssen offengelegt und nachgewiesen werden. Ersparnisse werden genau gestaffelt und richten nach dem Alter (z.B. zwischen 5000 Euro bei Jüngeren und bis zu 20.000 Euro bei Älteren). Alles darüber hinaus muss für den Lebensunterhalt aufgebraucht werden.
Während die Transparenzregeln für Abgeordnete im Abgeordnetengesetz geregelt werden. Abgeordnete sind nicht verpflichtet, ihr privates Vermögen, ihre Kontostände oder die Einkünfte ihres Ehepartners offenzulegen. Zwar müssen dem Bundespräsidenten vergütete Nebentätigkeiten und Funktionen angezeigt werden und auch Geldwerte Nebeneinkünfte müssen centgenau auf den Internetseiten des Bundestages angezeigt werden, aber erst wenn diese Beträge von 1000 Euro im Monat oder 3000 Euro im Jahr überschreiten. Ebenfalls sind Kapital- und Personengesellschaften anzeigepflichtig. Trotz hoher Diäten der Abgeordneten, die ja eigentlich ihrer Unabhängigkeit dienen sollte, ist hier doch sehr fraglich wie unter den Vielzahl der Nebentätigkeiten noch Zeit verbleibt für die eigentliche Tätigkeit und wo Interessenkonflikte bestehen.
Daher ist es eigentlich mehr als irrational davon auszugehen, das Arbeit zur Strukturierung des individuellen Lebens noch tauge bzw. davon auszugehen, das Vorbereitung auf Arbeit, Ausübung von Arbeit, Erholung von Arbeit für weitere Arbeit, und Ruhestand als verdienter Lohn für ein Leben der Arbeit als Konstruktionselemente dienen könnte. Oder definiert sich jemand nur über Arbeit?
Die Ignoranz der Produktivitätsgewinne
"Normalarbeitsverhältnisse sind also keineswegs die Norm": So weicht jeder zweite Beschäftigungsverhältnis, diese werden dann als "atypische Beschäftigungsverhältnisse" bezeichnet, von einer Vollbeschäftigung ab. Oh, auch "Lifestyle-Teilzeit" wird als Normalarbeitsverhältnis angesehen, wenn sie über 20 Stunden geht und nun ja ein sozialversicherungspflichtiges Arrangement darstellt.
Fest steht auch das ein einzelner Arbeitnehmer heute durch Automatisierung, Digitalisierung und Technologie um Vielfaches mehr Wert als ein Arbeiter vor 50 Jahre erwirtschaftet. Da der erwirtschafte Wohlstand jedoch ungleich verteilt ist (stärkeres Wachstum bei Unternehmensgewinnen und Vermögen im Vergleich zu den Reallöhnen), profitiert die Rentenkasse, die rein an die Erwerbslöhne gekoppelt ist, nicht ausreichend von diesen Produktivitätsschub.
Die Rentenkommission versteifte sich allerdings auf Menschen klassischen Erwerbsbiografien im Rahmen einer Vollzeitstelle, während Verbesserungen für Geringverdiener*innen, Frauen und mit Personen mit wenigen Erwerbsjahren kaum vorgesehen sind.
Das Märchen vom Fachkräftemangel
Der Mangel an Fachkräfte ist weitgehend ein Mythos und dient oft nur einem wirtschaftlichen oder politischen Narrativ. Analysen der Bundesagentur für Arbeit und unabhängige Ökonomen wie Karl Beneke (DIW) stellen fest, dass es keinen generellen Engpass gibt, sondern nur lokale und berufsspezifische Unstimmigkeiten. In vielen Branchen herrscht eher hohe Arbeitslosigkeit unter qualifizierten Personen.
Vielfach dient es verschiedenen Branchen dazu, Löhne niedrig zu halten, um von eigenen Defiziten bei der Attraktivität als Arbeitgeber oder Investitionen in Ausbildung abzulenken. Sehr oft liegt das Problem nicht am Fehlen von Menschen sondern an unattraktive Arbeitsbedingungen, starren Hierarchien und niedrigen Gehälter, die Bewerber abschrecken.
Das soll nicht davon ablenken, das es strukturell bedingt in spezifischen Schlüsselbrachen echter Mangel existiert. Diese finden sich aber leider in kaputt gesparten als auch privatisierten Branchen wie dem Gesundheitswesen und der Pflege. In diesen Bereich existiert extreme Arbeitsverdichtung aufgrund der Privatisierungen der letzten Jahrzehnte. Es fehlt die Zeit für das Wesentliche, d.h. es bleibt kaum Raum für menschliche Zuwendungen und viele Pfleger*innen haben das Gefühl, ihren eigenen Ansprüche nicht gerecht zu werden. Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit sowie kurzfristiges Einspringen an freien Tagen zehren an der Substanz und erschweren das Privatleben. Das Heben von Patienten und das ständige Stehen führen zu chronischen Rückenschmerzen. Die hohe Verantwortung und das Erleben von Leid verursachen zudem psychischen Druck und Burn-out. Hinzu kommen unzureichende Bezahlung, fehlende Aufstiegschancen und mangelnde Anerkennung. Und die neue Gesundheitsreform verschärft diese Problematik. So sind ca. 46.000 Stellen unbesetzt.
Im Handwerk fehlen ca. 200.000 qualifizierte Arbeitskräfte. Gesucht werden hier Elektriker, Sanitär- und Heizungstechniker(SHK) sowie im Tiefbau. Im Tiefbau gaben 62 % der Betriebe an, ihre Stellen nicht besetzen zu können. Die Energiewende und notwendige Infrastruktursanierungen verschärfen diesen Mangel zusätzlich, da spezifische Qualifikationen fehlen.
Bedarf existiert auch nach wie vor bei IT-Kräfte, ca. 109.000 Stellen sind unbesetzt.
In Bildung und Erziehung fehlen ca. 23.000 Erzieher*innen und das ewige Problem die Unattraktivität der Mint-Fächer führt zu einem Mangel an Lehrkräfte in diesem Bereich.
Jedoch hat sich das Verhältnis zwischen Jobsuchende und offene Stellen in den letzten Jahren verschlechtert. Im Jahr 2025 wurden 2,9 Millionen Arbeitslose gemeldet, während 623.000 offene Stelle bei den Arbeitsagenturen registriert waren. Diese entspricht einem Verhältnis von 4,7 Arbeitslose auf eine offene Stelle, was einen deutlichen Anstieg im Vergleich zu Zeiten vor der Pandemie darstellt.
Imagepflege mit Ghost-Jobs
Eine lustige Variante für Unternehmen und emotional belastende Situation für Bewerber*innen sind Ghost Jobs, also Stellenanzeigen, die veröffentlicht werden, obwohl keine konkrete Absicht besteht, die Position zu besetzen. Dieses Phänomen ist weit verbreitet: So gelten gut 18% und 22% aller online veröffentlichen Stellen als Ghost Jobs nach einer Studie der Einstellungsplattform Greenhouse. In bestimmten Branchen wie dem Bauwesen, der Kunst oder dem Rechtswesen ist dieser Anteil sogar auf bis 38% angestiegen.
Gründe hierfür:
- Aufbau einer Talent-Pipeline: Firmen sammeln Bewerbungen ein, um bei zukünftigen Bedarf sofort auf einen Pool qualifizierter Kandidaten zurückgreifen zu können.
Markenstärkung und Imagepflege: Eine große Anzahl offener Stellen suggeriert Wachstum, Dynamik und wirtschaftlichen Erfolg gegenüber Investoren, Kunden und der Öffentlichkeit.
bürokratische Hürden: Stellen müssen gesetzlich oder intern ausgeschrieben werden, obwohl die Besetzung intern bereits entschieden oder gestrichen wurde.
Markt- und Budgettest: Mit Anzeigen sollen die aktuelle Gehaltsvorstellungen als auch die Verfügbarkeit von Spezialisten überprüft werden.
Nachlässigkeit: Bereits besetzte Positionen werden einfach vergessen, offline zu nehmen.
Warnsignale das es sich um keine echte Angebote handelt, sind u.a.:
sehr lange Laufzeit
regelmäßige Neueinstellung
vage und allgemeine Stellenbeschreibungen
Fehlen spezifischer Ansprechpartner*innen bzw. unpersönliche E-mail-Adressen
die Anzeige befindet sich ausschließlich in Jobportalen und nicht auf der offiziellen Stellenanzeigen des Unternehmen
jegliches Feedback entfällt
es gibt ungewöhnlich viele Interviewrunden ohne Ergebnis.
Dies löst nicht nur Frustrationen sowie erheblichen Zeitverlust bei Bewerber*innen aus sondern führt sowohl zu generellen Vertrauensverlust gegenüber den sog. "Arbeitsmarkt" und letztendlich auch entsprechende Unternehmen, die sich solcher Praktiken bedienen.
Industrie im Wandel: Weniger Jobs, mehr Effizienz
Heute braucht das produzierende Gewerbe strukturell bedingt weniger Arbeitskräfte, obwohl die Produktion stabil bleibt oder sogar leicht anzieht.
Im ersten Quartal 2026 ist die Zahl der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) erneut kräftig gesunken – um 171.000 Personen (-2,1 %) im Vergleich zum Vorjahresquartal. Seit der Coronapandemie 2019 hat die deutsche Industrie insgesamt rund 341.500 Arbeitsplätze eingespart, was einem Rückgang von über sechs Prozent entspricht. Besonders drastisch ist die Lage in der Automobilindustrie, wo seit 2019 jeder siebte Arbeitsplatz weggefallen ist (ca. 125.800 Jobs).
Der Rückgang der Beschäftigungszahlen ist nicht allein auf schwache Konjunktur zurückzuführen, sondern auf drei fundamentale Entwicklungen:
Steigende Automatisierung: Deutschland weist mit 415 Industrierobotern pro 10.000 Arbeitnehmer eine der höchsten Roboterdichten weltweit auf. Moderne Fertigungsstraßen und KI-gesteuerte Prozesse ermöglichen es, mit deutlich weniger Personal die gleiche oder sogar höhere Menge zu produzieren. Viele repetitive Tätigkeiten werden vollständig automatisiert.
Einstellungsstopp statt Entlassungswelle: Der aktuelle Abbau erfolgt oft „leise“ durch Nichtbesetzung freiwerdender Stellen (natürliche Fluktuation). Die Zahl der Stellenausschreibungen in der Industrie befindet sich auf dem tiefsten Stand seit der Jahrtausendwende. Unternehmen reduzieren so ihre Belegschaft, ohne massive Sozialpläne auflegen zu müssen.
Struktureller Wandel: Die Transformation von der Verbrenner- zur E-Mobilität benötigt weniger Arbeitskräfte in der Fertigung. Zudem verlagern sich viele Aufgaben von der reinen Produktion in dienstleistungsorientierte Bereiche wie Softwareentwicklung, Datenanalyse und Wartung, die statistisch oft nicht mehr dem klassischen Produktionsarbeiter zugeordnet werden.
Der Abbau von Stellen im produzierten, kann nur teilweise im Dienstleistungssektoren, u.a. auch im Zuwachs von öffentlichen Dienst, des Gesundheitswesen und Bildungsbereiche kompensiert werden. Daher sank die Anzahl der Erwerbstätigen auf 45,6 Millionen, ein Rückgang von 184.000 gegenüber dem Vorjahr.
Auch wenn durch KI und Robotik neue Stellen geschaffen, werden nicht gut 800.000 wegfallende Arbeitsplätze in den nächsten 15 Jahren eins zu eins durch andere Tätigkeiten ersetzt werden können, zum einen weil die neuen entstehende andere Fähigkeiten voraussetzen und zum anderen weil einfach nicht so viele Leute benötigt werden.
In Deutschland sind rund 11 Millionen Personen in Berufen tätig, die zum Großteil potenziell automatisierbar sind, entsprechend gilt es Vollbeschäftigung neu zu diskutieren. Denn selbst bei einer starken Wirtschaft, werden strukturell weniger Menschen benötigt.
Die Konsequenz müsste nicht zwangsläufig eine Verarmung der Gesellschaft haben, sondern erfordert neuen Modelle, wie:
Verteilung der vorhandenen Arbeit auf mehr Schultern durch kürzere Wochenarbeitszeiten.
Umschulungsmöglichkeiten von Arbeitskräften aus schrumpfenden Branchen in wachsende Sektoren (Pflege, Erneuerbare Energien, IT).
die Förderung von Bereichen, die schwer automatisierbar sind, wie soziale Dienstleistungen, Kultur und Bildung
aber auch Kunst, gesellschaftliches Engagement in Initiativen, Kunst zu unterstützen statt zu bekämpfen.
Letztendlich ist die klassische Vorstellung, dass jeder Erwerbsfähige einen traditionelle Vollzeitjob in der Industrie und Verwaltung haben kann durch Automatisierung und Effizienzsteigerung obsolet. Entsprechend ist nicht die Herausforderung der kommenden Jahr die Schaffung von Arbeitsplätze um jeden Preis, sondern die gerechte Verteilung des Wohlstands und der verbleibenden Arbeit bei gleichzeitig steigender Produktivität.
Beim Arbeitslosenrisiko ist zwischen Phasen zu unterscheiden: dem Risiko, arbeitslos zu werden (Zugangsrisiko), und dem Risiko, arbeitslos zu bleiben (Verbleibsrisiko).
Zunächst einmal bewahrt ältere Arbeitnehmer*innen (ab 50 bzw. 55 Jahre) noch der bessere Kündigungsschutz durch lange Betriebszugehörigkeit und die Tatsache, das sie bei betriebsbedingten Kündigungen gegenüber Jüngeren bevorzugt werden, vielfach vor der Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig zögern Unternehmen teure und erfahrenen Stammbelegschaft zu entlassen.
Jedoch ist das Verbleibsrisiko erhöht. Das Risiko bei Jobverlust langzeitarbeitslos zu werden, nimmt bei steigenden Alter zu. Gegenüber jüngeren Arbeitslose verbleiben ältere Bewerber*innen überdurchschnittlich lange ohne Arbeit. Im Jahr 2025 betrug Arbeitslosenquote der 55- bis 65- Jährigen 6,5% wobei die absolute Zahl der Arbeitslosen über 60 Jahre sich seit 2009 mehr als verdoppelt hat.
Die Ursachen für diese Schwierigkeiten liegen nicht bei den älteren Arbeitsnehmer*innen sondern haben mehrere strukturelle Ursachen:
Studien belegen, dass Bewerbungen von Personen höheren Alters und Langzeitarbeitslosen seltener zu Vorstellungsgesprächen führen. Es kommt aufgrund Alters in einem relevanten Prozentsatz der Fälle zu einer Ungleichbehandlung.
Älterer Arbeitnehmer*innen sind für neue Arbeitgeber oft teurer aufgrund von Gehaltsansprüchen und erfahrungsbedingter Eingruppierungen. Ebenfalls wird die verbleibende Beschäftigungsdauer bis zur Rente als kürzer eingeschätzt, was eben im Verhältnis zur Einarbeitungskosten betrachtet wird.
Qualifikationen entsprechen nicht mehr nicht aktuellen Anforderungen
Mit zunehmenden Alter steigen statistisch die Risiken für gesundheitliche Einschränkungen, die von Arbeitgebern oft zur Einstellungshemmnis führen.
Rentenreform: Mehr Armut wagen!
In Deutschland ist etwa jeder fünfte Mensch über 65 Jahren armutsgefährdet. Knapp 740.000 Seniorinnen und Senioren sind mittlerweile auf staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen. Tendenz steigend. Altersarmut entsteht primär durch jahrelangen Niedriglohn, unvollständige Erwerbsbiografien (z. B. durch Kindererziehung oder Pflege) sowie steigende Lebenshaltungs- und Wohnkosten, die das Rentenniveau oft übersteigt. Die Dunkelziffer dürfte jedoch wesentlich höher sein, da viele Betroffene aus Scham oder Unwissenheit keine staatliche Grundsicherung beantragen.
Die Reformen in der jetzigen Formen verschärfen das Problem noch: Ein Rentenniveau von 48 Prozent sichert Durchschnittsverdiener lediglich den Status quo, reicht für Geringverdiener nicht zum Leben. Das Rentenniveau ist bereits im europäischen Vergleich sehr niedrig. Wer sein Leben lang verdient hat, rutscht trotz der Garantie einer Stabilisierung direkt in die Altersarmut.
Der sog. "Nachhaltigkeitsfaktor" soll ab 2032 wieder stärker greifen, d.h. die Renten sollen langsamer als die Löhne wachsen, was letztendlich die Kaufkraft im Alter mindert und obwohl die Binnenkonjunktur lahmt.
Die Anhebung des Renteneintrittsalter (Koppelung an die Lebenserwartung), ignoriert das Menschen in körperlichen und psychischen extrem belastenden Berufen (z.B. Pflege, Bau, Handwerk) heute schon nicht mehr bis 67 Jahren arbeiten können. Wenn diese dann früher aufhören, drohen lebenslange Rentenabschläge (0,3% pro Monat des vorzeitigen Eintritts). Eine Erhöhung des Rentenalters ist für diese Gruppe eine faktische Rentenkürzung.
Mit dem Wegfall der "Rente mit 63" entfällt ein wichtiges Sicherungsventil für Menschen, die bereits sehr früh (oft mit 15 oder 16 Jahren) ins Berufsleben gestartet sind und deren Körper nach 45 Arbeitsjahren verschlissen ist. Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kann, verliert dauerhaft Geld.
Das "Generationenkapital", also ein Teil der Beiträge soll über einen Staatsfonds global am Aktienmarkt angelegt werden, um langfristig über Renditen die Beitragszahler zu entlasten. Dies führt zu eine Doppelbelastung laut IMK, denn die heutigen Beitragszahler*innen müssen über Jahre hinweg mühsam den Aktien-Kapitalstock ansparen und noch die aktuellen Renten finanzieren.
Belastung durch den Haushalt: Der „Griff in die Rentenkasse“
Lang ist her, das sich die gesetzliche Rentenversicherung nur durch Beiträge der Arbeitnehmer*innen und "Arbeitgeber*innen" getragen hätte, falsche politische Weichenstellungen wie Agenda 2010 machten es möglich. Die Rentenkasse ist abhängig vom Gesamthaushalt der Bundesregierung und der Bund muss mit fast einem Drittel die Rentenkasse durch Steuerzuschüsse stützen.
Da die schwarz-rote Bundesregierung strikt am Konzept der Schuldenbremse festhalten will, sind die Gesamtausgaben des Staates gedeckelt. Wenn nun ein einziger Posten (die Rente) durch den demografischen Wandel immer weiter anwächst, steht entsprechend für andere politische Vorhaben weniger zu Verfügung.
Seit der Ausrufung der "Zeitenwende" verschoben sich die Prioritäten im Bundeshaushalt fundamental. Daher besitzen Verteidigung und Aufrüstung die absolute politische Priorität anstatt die soziale Absicherung von Menschen.
Der reguläre "Verteidigungshaushalt" liegt mittlerweile bei gigantischen 108 Milliarden und soll in den weiteren Jahren weiter wachsen. Um die Nato-Vorgaben dauerhaft zu erfüllen, muss die BRD permanent rund 2 Prozent seines Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das Militär aufwenden. Ab spätestens 2035 sollen dann mindestens 5% des BIP`s der Länder in die militärische Aufrüstung fließen, laut Nato-Vorgaben.
Konkret heißt das, hätte im Jahr 2024 diese Quote erfüllt werden müssen, wo der deutsche BIP bei 4,31 Billionen Euro lag, während der Bundeshaushalt im selben Jahr nur 476,8 Milliarden betrug. Hätte Deutschland 215,27 Milliarden Euro ausgeben müssen, das sind 45,15 Prozent des Bundeshaushalts.
Die gigantischen Summen wurden bisher teilweise über das schuldenfinanzierte "Sondervermögen" (Schattenhaushalte außerhalb der Schuldenbremse) abgefedert. Die Rüstungsmilliarden sollen jedoch fest und dauerhaft in den regulären Bundeshaushalt integriert werden.
Daher ist die Rentenreform keine "Sozialreform", sondern eine Haushaltskonsolidierung zu Lasten der Versicherten. Der wahre Grund für extremen Zeitdruck und die Härte der Maßnahmen, sind das freiräumen des Bundeshaushaltes für die Aufrüstung.
Es sind Kürzungen durch die Hintertür, denn jedes Jahr, in denen Menschen länger arbeiten sollen, und jede Einschränkungen von Frührentenmodellen sowie die Verschiebung von Rentenansprüche in die Grundsicherung, spart den Bund Milliarden an direkte Zuschüssen.
Hinzukommt die Einführung der verpflichtenden kapitalgedeckten "Schweden-Rente" (Aktienrente), die nur in diesem Fall dazu dienen soll, den Bundeshaushalt zu entlasten, da die Koalition plant, den Bundeszuschuss der Rentenversicherung um vier Milliarden Euro zu kürzen. Das finanzielle Risiko im Alter wird damit vom Staat auf den globalen Finanzmarkt und das Individuum verlagert. Sollte was schief laufen, ist das Risiko ja bei den Versicherten.
Das verheimliche Narrativ der Rentenreform ist also, um den haushaltspolitischen Spielraum für die Rüstung zu schaffen, werden alle anderen Ressorts massiv gekürzt („Konsolidierung überall außer beim Militär“). Geld, das eigentlich zur Absicherung des Sozialsystems dient oder zur Entlastung der Beitragszahler, wird für geopolitische und militärische Zwecke gebunden.
Dies generiert steigende Gewinne für die private Rüstungsindustrie (z. B. Rheinmetall, Hensoldt) und Zinseinnahmen für das Bankenwesen, das die zur Finanzierung notwendigen Kredite bereitstellt. Während die Bevölkerung als Steuerzahler und durch sinkenden Wohlstand belastet wird, profitieren Kapitaleigner von der „Kriegswirtschaft“ als lukrativem Geschäftsmodell.
Die kreditfinanzierte Aufrüstung über Sondervermögen verschleiert zwar kurzfristig den Zusammenhang, zwingt aber zukünftig zu hohen Tilgungszahlungen aus dem regulären Haushalt. Dies wird langfristig den fiskalischen Spielraum für soziale Aufgaben bis ca. 2058 blockieren und die soziale Ungleichheit weiter zementieren.
Da die Politik weder die Steuern für Reiche massiv erhöhen noch die Schuldenbremse für Soziales aussetzen will, bleibt nur die Kürzung bei den Sozialausgaben. Die Rentenreform ist das Werkzeug, mit dem der Staat die finanzielle Last der geopolitischen Aufrüstung und Militarisierung stillschweigend auf die Lebensarbeitszeit der arbeitenden Bevölkerung abwälzt.
Quellen & weitere Informationen u.a.:
- tagesschau: Wie sich das Rentenpaket auf alle Generationen auswirkt, 23.06.2026
- tagesschau: Schwarz-Rot will alle Renten-Vorschläge umsetzen, 23.06.2026
- Spiegel: Wirtschaftsverbände loben Rentenreform – Gewerkschaften üben Kritik, 23.06.2026
- Maurice Höfgen und Michael Paetz: Zu viele Rentner, zu wenig Kinder? Nein, zu viel Ungleichheit! , Geld für die Welt, 27.11.2025
- MDR aktuell: DIW-Chef Fratzscher kritisiert Ideen für Rentenreform, 22.06.2026
- zdf heute: Das sind die 33 Empfehlungen der Rentenkommission, 22.06.2026
- Anabel Schröter: Ghost-Jobs – Warum die Stellensuche oft im Nichts endet, handelsblatt, 9.05.2026
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