"Wer nicht produziert, ist unproduktiv."
1. Das konservative Wachstumstraditions-Framing (CDU) vs. Die Donut-Ökonomie
Die Wirtschaftspolitik der CDU bewegt sich im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft, neigt in Debatten über Wettbewerbsfähigkeit jedoch zu einem starren Wachstumstradizionalismus. Das Framing lautet: Nur durch BIP-Wachstum lassen sich Wohlstand, Soziales und Klimaschutz finanzieren.
Dieses Denken erzeugt fatale blinde Flecken für alle Lebensentwürfe, die sich nicht um klassische Erwerbsarbeit drehen. Es ignoriert, dass das BIP unbezahlte Care-Arbeit (Pflege, Kindererziehung, ehrenamtliches Engagement in Communities) mit dem Wert Null verbucht. Wer sich entscheidet, weniger in der formellen Marktwirtschaft zu arbeiten, um stattdessen soziale Netzwerke zu pflegen oder kreative Wege abseits des Konsums zu gehen, gilt im BIP-Framing als unproduktiv. Zudem verbucht das BIP ökologische Zerstörung – wie die Beseitigung von Umweltkatastrophen – als Erfolg, statt die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen.
Die Alternative: Hier setzt das Modell der Donut-Ökonomie an, entwickelt von der britischen Ökonomin Kate Raworth (2017). Es bricht das erzwungene Entweder-oder zwischen Wachstum und Wohlstand auf und ersetzt die eindimensionale BIP-Achse durch zwei Leitplanken:Soziales Fundament (innen): zwölf Grundbedürfnisse – Nahrung, Wasser, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, politische Teilhabe, Gleichstellung, Wohnen, soziale Netzwerke und Energie – abgeleitet aus den UN-Nachhaltigkeitszielen. Wer darunter fällt, lebt in Armut.
Ökologische Decke (außen): neun planetare Grenzen – Klimawandel, Versauerung der Meere, chemische Umweltverschmutzung, Stickstoff- und Phosphor-Belastung, Süßwasserverknappung, Flächenumwandlung, Biodiversitätsverlust, Luftverschmutzung und Ozonabbau. Wer darüber hinauswächst, zerstört die Lebensgrundlagen.
Dazwischen liegt der „sichere und gerechte Raum für die Menschheit": der Bereich, in dem alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Wirtschaftlicher Erfolg wird nicht an Wachstum gemessen, sondern daran, ob sich die Gesellschaft in diesem Donut befindet. Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern – wo nötig – ein Mittel.
Für die Frage der Lebensentwürfe ist das entscheidend: Care-Arbeit, Ehrenamt, kreative Praxis und ökologische Regeneration zählen hier als Wohlstand, weil sie das soziale Fundament stärken oder die ökologische Decke schützen – auch wenn sie kein BIP generieren.
2. Der völkische Wohlstands-Chauvinismus (AfD): BIP als Legitamitationswaffe
Die AfD instrumentalisiert das BIP-Framing auf eine Weise, die über reine Wirtschaftspolitik hinausgeht: Sie verschmilzt den nationalen Wirtschaftsnationalismus mit einem völkischen Nationalismus, der Zugehörigkeit zum „deutschen Volk" nicht über die Staatsbürgerschaft, sondern über die ethnische Abstammung definiert. Der Verfassungsschutz stuft die Partei als „gesichert rechtsextrem" ein; das Deutsche Institut für Menschenrechte kam 2023 zu dem Schluss, dass sie „verbotsreif" sei. Im Zentrum steht ein ethnisch homogener Volksbegriff, der Menschen mit Migrationshintergrund als „fremd" markiert und ihre Teilhabe an der Gesellschaft – und damit an der Wirtschaft – in Frage stellt.
Dieses Framing ist keine abstrakte Ideologie, sondern hat konkrete wirtschaftspolitische Konsequenzen:
2.1 Der Widerspruch zwischen völkischem Nationalismus und ökonomischer Realität
Die AfD definiert das „Volk" als ethnisch-kulturelle Gemeinschaft und fordert eine „nationale Bevölkerungspolitik". Dabei ignoriert sie die ökonomische Realität: 6,7 Millionen ausländische Beschäftigte erwirtschaften heute 13,2 Prozent der Bruttowertschöpfung (IW Köln). Die Demografiekrise kann nur mit ausländischen Erwerbstätigen ausgeglichen werden. Wer die „ethnische Homogenität" zum Maßstab macht, bekämpft den produktivsten Teil der eigenen Wirtschaft. Der völkische Nationalismus ist hier kein Schutz des BIP, sondern seine systematische Zerstörung.
Die AfD fordert:
- Protektionismus in Landwirtschaft (Zölle, Subventionen, Abbau von Umweltstandards) und Industrie – etwa das „Buy-BW"-Programm in Baden-Württemberg, das Landesbehörden verpflichtet, nur heimische Fahrzeuge zu beschaffen.
- EU- und Euro-Austritt als Rückkehr zur „nationalen Wirtschaftspolitik". Laut IW-Studie im Auftrag der Unternehmensinitiative „Vielfalt ist Zukunft" würde ein Dexit nach nur fünf Jahren 5,6 Prozent des realen BIP – umgerechnet 690 Milliarden Euro – kosten; 2,5 Millionen Arbeitsplätze würden wegfallen.
- Abschottung der Arbeitsmärkte, die Lieferketten zerstören und Exporte einbrechen lassen würde.
Das BIP-Framing dient hier als Legitimationsrahmen: Wer weniger BIP produziert, ist „verloren" – und die einzige Rettung sei nationale Abschottung. Dabei wird verschleiert, dass der Protektionismus selbst das BIP zerstört. DIW-Präsident Marcel Fratzscher formuliert es unmissverständlich: „Die Wirtschaftspolitik der AfD würde das deutsche Wirtschaftsmodell zerstören – ohne zu sagen, was stattdessen kommen soll."
2.3 Neoliberale Steuerpolitik als „Volkswirtschaft"Wirtschaftspolitisch ist die AfD, wie das Magazin Surplus 2025 analysierte, völkisch-neoliberal: Sie verbindet den völkischen Nationalismus mit durchgreifendem Neoliberalismus. Konkret:
- 181 Milliarden Euro Steuersenkungen pro Jahr – das sind 4,13 Prozent der Wirtschaftsleistung, 20 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen. Finanzierbar wäre das nur durch massive Staatsverschuldung oder Sozialabbau.
- Einheitlicher Steuersatz von 25 Prozent für Einkommen und Gewinne, unbegrenztes Familiensplitting, Abschaffung von Vermögens- und Erbschaftssteuer.
- Laut DIW-Ökonom Stefan Bach: Rund drei Viertel der privaten Mehreinnahmen kämen bei den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung an – knapp 86 Milliarden Euro pro Jahr. Für die gesamte untere Hälfte der Bevölkerung blieben nur etwa vier Milliarden Euro.
2.4 Klimaleugnung und ökologischer Selbstmord
Die AfD lehnt alles ab, was dem Klimaschutz dient: Sie will unbegrenzt Öl- und Gasheizungen erlauben, Kohlekraftwerke am Netz halten, Atomkraft nutzen, den Bau von Windrädern stoppen und den Ausbau von Solarenergie bremsen. In einem Land, dessen Exportwirtschaft von technologischer Innovationsführerschaft abhängt, ist das kein „Wettbewerb" – es ist ökonomischer Selbstmord. Die „nationale Souveränität", die die AfD verspricht, wäre die Souveränität eines Landes, das seine Zukunftsfähigkeit systematisch zerstört.
2.5 Die AfD in der Realität: Vom Wahlkampf zur Regierungsverantwortung
Die Kritik ist keine akademische Übung mehr. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die AfD zweitstärkste Kraft. Am 6. September 2026 gewann sie die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent – der erste klare Sieg einer rechtsextremen Partei in einem deutschen Bundesland seit dem Krieg. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund könnte der erste Ministerpräsident der AfD werden. Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte das Ergebnis „schockierend" und einen „wirklichen Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik".
Die deutsche Wirtschaft – 69 Prozent der Unternehmen distanzieren sich von der AfD – warnt: „Die wirtschaftspolitischen Ideen der AfD sind für die Wirtschaft schädlich und würden in der Umsetzung einen massiven Wohlstandsverlust bedeuten", so VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Der Verfassungsgerichtshof, die Kirchen und die Menschenrechtsorganisationen warnen: Der völkische Nationalismus der AfD ist nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar.
2.6 Die Alternative: Der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI)
Entwickelt 2008 von Roland Zieschank und Hans Diefenbacher, ersetzt der NWI die BIP-Einzelzahl durch ein Dashboard aus vier Dimensionen: materieller Wohlstand und ökonomische Stabilität, soziale Nachhaltigkeit, nachhaltige Staatstätigkeit und Staatsfinanzen, ökologische Nachhaltigkeit. Statt einer nationalen „Siegeszahl" zeigt der NWI, wo eine Gesellschaft steht – und ob sie sich im Inneren des Donuts befindet. Er macht sichtbar, dass ein Land BIP-Wachstum verbuchen kann, während soziale Ungleichheit und ökologische Zerstörung gleichzeitig zunehmen.
Für die AfD-Kritik ist der NWI besonders aufschlussreich: Er würde zeigen, dass die AfD-Politik – Steuersenkungen für die Reichen, Sozialabbau, Klimaleugnung, Abschottung – in allen vier Dimensionen negative Effekte erzeugt. Der völkische Nationalismus ist nicht nur demokratiepolitisch problematisch, sondern ökonomisch selbstzerstörisch.
3. Das globale Wettbewerbs-Framing und der Genuine Progress Indicator
Auf internationaler Ebene wird das BIP zum Wettkampf der Nationalstaaten: Ratingagenturen, Finanzmärkte und politische Eliten bewerten Länder nach BIP-Wachstum. Dieses Framing erzeugt einen Regulierungswettbewerb nach unten – wer Steuern senkt, Umweltstandards lockert und Sozialsysteme aushöhlt, gewinnt „Wettbewerbsfähigkeit".Das BIP-Framing blockiert hier besonders transnationale Lebensentwürfe und solidarische Modelle: Kooperatives Wirtschaften, Open-Source-Ökonomie, commons-basierte Produktion oder entkoppeltes Wachstum (mehr Wohlstand bei weniger Ressourcenverbrauch) sind im BIP unsichtbar oder sogar negativ, weil sie „Wachstum" reduzieren.
- Abzüge für Umweltverschmutzung, Verkehrsunfälle, Kriminalität, Verlust an Freizeit, Abnutzung des Naturkapitals.
- Zuschläge für unbezahlte Hausarbeit, Ehrenamt, Bildungsinvestitionen.
4. Was das BIP-Framing für konkrete Lebensentwürfe bedeutet
Das BIP-Framing ist nicht nur ein statistisches Problem, sondern ein kulturelles: Es definiert, was als „produktiv" und „wertvoll" gilt. Lebensentwürfe, die sich nicht an der Erwerbsarbeitslogik orientieren, werden systematisch abgewertet:- Care-Arbeit und Familienarbeit: Wer sich der Pflege von Angehörigen oder der Kindererziehung widmet, „produziert" im BIP nichts. Der geschätzte Wert unbezahlter Care-Arbeit in Deutschland liegt bei rund 30 % des BIP – er ist unsichtbar.
- Kreatives und kulturelles Schaffen: Kunst, Musik, Philosophie, politische Partizipation – alles, was keinen Marktpreis hat, zählt nicht.
- Ökologische Lebensentwürfe: Wer bewusst weniger konsumiert, weniger fliegt, repariert statt kauft, „bremst" das BIP. Im BIP-Framing ist das ein Verlust; in der Donut-Ökonomie ist es ein Beitrag zur ökologischen Decke.
- Gemeinschaft und Zusammenhalt: Soziale Netzwerke, Vertrauen, Gemeinsinn – die Grundlage demokratischer Gesellschaften – sind im BIP nicht erfasst.
Lebensentwürfe von Menschen mit Migrationshintergrund: Im völkischen Nationalismus der AfD sind sie gar keine Lebensentwürfe – sie sind „Überfremdung". Ihre Arbeit, ihre Kultur, ihre Beiträge zur Gesellschaft werden nicht nur im BIP unsichtbar, sondern aktiv als Bedrohung markiert.
Das BIP-Framing erzeugt damit einen kulturellen Sog: Wer nicht „produktiv" ist im engeren Sinne, gilt als parasitär, unsozial, „nicht leistungsbereit". Diese Narrative werden von konservativen und rechtspopulistischen Kräften aktiv instrumentalisiert, um soziale Sicherung, Care-Berufe und ökologische Umverteilung zu delegitimieren. Die AfD geht einen Schritt weiter: Sie delegitimiert nicht nur bestimmte Lebensentwürfe, sondern ganze Gruppen von Menschen – und zwar im Namen des „Volkseigentums" an der Wirtschaft.
5. Allgemeiner Nationalismus vs. BNG und HDI als radikaler Maßstabswechsel
Das BIP-Framing ist nicht nur ein Problem der AfD oder der CDU. Es ist der tiefste gemeinsame Nenner aller Nationalstaaten – von den USA über Frankreich bis Japan. Die Frage „Wie viel BIP hat unser Land?" ist die Frage, die jede Regierung, jede Ratingagentur, jeder Finanzmarkt stellt. Und sie ist die Frage, die jede andere Frage ersetzt.Dabei gibt es seit Jahrzehnten Alternativen, die den Maßstab radikal verschieben – von der reinen Wertschöpfung hin zum menschlichen und gesellschaftlichen Wohlbefinden.
Bruttonationalglück (BNG): Glück als politischer Maßstab
1972 erklärte der vierte König Bhutans, Jigme Singye Wangchuck, das „Glück" zum obersten Ziel der nationalen Politik. Die Begründung: „Wenn die Regierung ihr Volk nicht glücklich machen kann, dann hat die Regierung keinen Existenzzweck."
Das Bruttonationalglück (Gross National Happiness, GNH) ersetzt die BIP-Einzelzahl durch ein System aus vier Säulen, neun Domänen und 33 Indikatoren:
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Säule |
Domänen |
Beispiele für Indikatoren |
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Sozial-gerechte Wirtschaftsentwicklung |
Lebensstandard, Zeitnutzung |
Pro-Kopf-Einkommen, Arbeitszeit, Vermögenswerte |
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Bewahrung von Kultur und Religion |
Kulturelle Diversität, Gemeinschaftsleben |
Muttersprache, soziale Netzwerke, Ehrenamt |
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Schutz der Umwelt |
Ökologische Resilienz |
Biodiversität, Luftqualität, Flächenverbrauch |
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Gute Regierungsführung |
Good Governance |
Politische Partizipation, Grundrechte, Regierungsleistung |
Der entscheidende Unterschied zum BIP: Jede Domäne wird gleich gewichtet. Psychisches Wohlbefinden zählt genauso viel wie das Pro-Kopf-Einkommen. Zeit für Familie und Gemeinschaft zählt genauso viel wie Konsum. Und ökologische Resilienz ist keine Fußnote, sondern eine eigene Säule.
Seit 2008 befragt Bhutan in regelmäßigen Zyklen seine Bevölkerung zu allen 33 Indikatoren. Das Ergebnis: Bhutan ist nicht das reichste Land der Welt – aber es ist eines der glücklichsten. Das BNG zeigt: Wohlstand und Glück sind nicht dasselbe. Und ein Land kann arm sein und trotzdem glücklich – oder reich und trotzdem unglücklich.Human Development Index (HDI): Menschen statt Milliarden
Der Human Development Index wird seit 1990 vom UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) berechnet und umfasst drei Dimensionen:
- Gesundheit: Lebenserwartung bei der Geburt
- Bildung: durchschnittliche und erwartete Schuljahre
- Lebensstandard: Bruttonationaleinkommen pro Kopf
Deutschland liegt mit einem HDI-Wert von 0,959 auf Platz 6 weltweit – hinter Island (0,972), der Schweiz (0,970), Norwegen (0,970), Dänemark (0,962) und Schweden (0,959).
Der HDI ist kein Gegenentwurf zum BIP – er ist eine Erweiterung. Er zeigt: Ein Land, das nur BIP produziert, aber seine Bevölkerung nicht ausreichend in Gesundheit und Bildung investiert, hat nicht „menschliche Entwicklung" im eigentlichen Sinne.
Was der radikale Maßstabswechsel bedeutet
BNG und HDI sind keine Esoterik. Sie sind politische Instrumente, die zeigen, dass der Maßstab sich radikal verschieben muss:
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BIP-Framing |
BNG / HDI |
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Eine Zahl: Wertschöpfung |
Viele Dimensionen: Gesundheit, Bildung, Glück, Kultur, Ökologie |
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Wer produziert, zählt |
Wer lebt, zählt |
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Wachstum ist Selbstzweck |
Wohlbefinden ist Selbstzweck |
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Nationaler Vergleich: Wer hat mehr? |
Gesellschaftlicher Zustand: Ist der Donut erfüllt? |
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Vielfalt = Störung der Effizienz |
Vielfalt = Voraussetzung für ein gutes Leben |
Der radikale Schritt ist nicht, das BIP abzuschaffen. Er ist, es von der Königswürde zu entheben: Das BIP wird zu dem, was es ist – eine Kennzahl unter vielen. Und die Frage, die Politik stellt, ändert sich:
Nicht mehr: „Wie viel BIP hat unser Land?"
Sondern: „Wie lebt es sich in unserem Land – für alle?"
6. Fazit: Ein Maßstab muss sich radikal verschieben
Das BIP ist nicht falsch. Es ist fehlgeleitet.Als alleiniger Maßstab für gesellschaftlichen Erfolg wird es zum narrativen Gefängnis. Es presst eine plurale Gesellschaft in eine materielle Schablone. Es macht Care-Arbeit unsichtbar, ökologische Zerstörung positiv, und es delegitimiert alle Lebensentwürfe, die sich nicht an der Erwerbsarbeitslogik orientieren.
Die AfD zeigt die logische Endstufe dieses BIP-Nationalismus: Wenn eine Zahl alles misst, ist, wer sie nicht produziert, unproduktiv – und wer nicht zum „Volk" gehört, gar nicht erst da. Der völkische Nationalismus ist die politische Konsequenz eines ökonomischen Framings, das Vielfalt als Verlust verbucht.
Der Ausweg ist eine radikale Verschiebung des Maßstabs:
- Donut-Ökonomie als strategischer Rahmen: soziales Fundament + ökologische Decke
- BNG als politisches Instrument: Glück, Kultur, Gemeinschaft und Ökologie als gleichwertige Säulen
- HDI als globaler Vergleich: Gesundheit, Bildung und Lebensstandard statt reiner Wertschöpfung
- NWI / GPI / Better Life Index als ergänzende Dashboard-Indikatoren
Erst wenn Politik nicht mehr fragt „Wie viel BIP?", sondern „Wie lebt es sich – für alle?", wird Wirtschaftspolitik wieder progressiv.
Und erst dann wird der BIP-Nationalismus – in all seinen Varianten, von der CDU bis zur AfD – für das erkannt, was er ist: nicht Wirtschaftspolitik, sondern die Abschaffung der Vielfalt im Namen einer einzigen, nackten Zahl.
Quellen & weiter Infos u.a.:
- Deutscher Bundestag (2013): Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ (PDF)
- Stiglitz, J., Sen, A. & Fitoussi, J.-P. (2009): Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (PDF)
- Hans-Böckler-Stiftung / IMK (2020): Forschungsbericht: Was sind die Alternativen zum BIP?
- Umweltbundesamt (2025): Datenportal: Indikator Nationaler Wohlfahrtsindex (NWI)
- FEST Heidelberg (2024): Methodik und Berechnungen zu Wohlfahrtsindizes
- UNDP – United Nations Development Programme (2024): Globale Datensammlung der Human Development Reports
- Exploring Economics (2016): Plurale Ökonomik: Neue Wohlstandsindizes im Vergleich
- Hubertus Bardt / Lennart Bolwin / Berthold Busch / Jürgen Matthes: Europawahl: Dexit würde 690 Milliarden Euro kosten, IW Köln, 19.05.2024
- Matthias Diermeier, Knut Bergmann, Benita Zink, Natalie Päßler: Rechtsaußen-Erstarken in Deutschland: Implikationen für den Wirtschaftsstandort, IW-Köln, 18.02.2025
- Stefan Bach (DIW): Wirtschaftspläne der AfD: Wer profitieren würde – und wer nicht, 12.02.2025
- Christian Endt, Mark Schieritz: Die AfD plant Milliardengeschenke für Spitzenverdiener, Zeit,14.11.2025
- Hannes Koch: AfD will die Reichsten reicher machen, taz, 6.11.2025
- Maurice Höfgen: 25 Prozent für alle: AfD plant radikale Steuerreform, Geld für die Welt, 14.11.2025
- Stephan Kaufmann: Wirtschaftsnationalismus und utopische Finanzen: Das abstruse Wahlprogramm der AfD, der Freitag, 02.02.2025
- Phillip Vetter: „Besonders unausgewogen finanziert“ – Ökonomen nehmen AfD-Programm auseinander, Welt, 19.02.2025
- Marcel Fratschner: Das AFD-Paradox: Die Hauptleittragenden der Politik der AFD wären ihre eigenen Wähler, 21.08.2023
- Doughnut Economics Action Lab
- Roland Zieschank, Hans Diefenbacher: Der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI), Fest Heidelberg
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